Was hatte die Weihnachtspost mit einer »Hadernsortiererin« zu tun?

Altkleider- und Leinenstücke (in der Ausstellung „Wie es war und ist, erwachsen zu sein.“),
19./20. Jahrhundert, © Bezirksmuseum Dachau

Bis ins 20. Jahrhundert wurden zur Papierherstellung anstelle von Holz textile Abfälle aus pflanzlichen Fasern wie Leinen, Hanf und Baumwolle benötigt. Das Material beschafften meist von den Papiermühlen beauftragte Lumpensammler, ein damals schlecht bezahlter und längst ausgestorbener Beruf.

Lumpensammler frühmorgens in der Avenue des Gobelins, Fotografie von Eugène Atget, Paris1899, © Gemeinfrei

Das Material beschafften meist von den Papiermühlen beauftragte Lumpensammler, ein damals schlecht bezahlter und längst ausgestorbener Beruf.

Doch bevor die Altkleider und »Hadern« (Textillumpen) zu Papier verarbeitet werden konnten, musste man sie mühsam von Hand aufbereiten. Diese Vorarbeiten waren keine schwere, jedoch eine staubige und deshalb ungesunde Tätigkeit. Sie wurde ausschließlich von Frauen erledigt. Hingegen war das kräftezehrende Papierschöpfen eine typische Männerarbeit.

Maria Weber (1869–1956): Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Hallertauer Häuslertochter mit ihren beiden Söhnen war eine von vielen Hadernsortiererinnen in der ehem. Dachauer Papierfabrik, Dachau um 1909, © privat

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte die Papierfabrik in Dachau über 50 Hadernsortiererinnen, die die Textilien reinigten, sortierten, Knöpfe und andere Materialien entfernten, auftrennten und in etwa 10 x 10 cm große Stücke zerschnitten. Erst dann konnten die Lumpen in entsprechenden Maschinen zu Papierbrei weiterverarbeitet werden. Daraus wurde schließlich das so genannte Hadernpapier hergestellt. Heute werden zur Papierherstellung weniger als zwei Prozent der Faserrohstoffe aus Textillumpen gewonnen. Übrigens: Mit Haderlump oder Lump bezeichnete man in Süddeutschland und Österreich auch einen Spitzbuben, Habe- oder Taugenichts. Das einst sehr gebräuchliche Schimpfwort leitet sich ab von der Berufsbezeichnung des Lumpensammlers, der häufig der sozialen Gruppe der Unbehausten, des fahrenden Volks und damit der unteren Sozialschicht der Bevölkerung angehörte

Museumsstück spezial zum Dreikönigstag!Wer sind die drei?


Pagen und Pferde der Heiligen Drei Könige, Bewegliche Gliederpuppen mit Glasaugen, Gliedmaßen und Kopf polychrom gefasst, textile Bekleidung (um 1900), Höhe: max. 48 cm, 18./frühes 19. Jahrhundert. Pferde aus Lindenholz geschnitzt, mit Glasaugen und polychromer Fassung, Zaumzeug aus Leder und Textil, Höhe: max. 50 cm. 18./frühes 19. Jahrhundert, © Bezirksmuseum Dachau

Am 6. Januar, dem Dreikönigstag oder Epiphaniefest, gedenken Christen in aller Welt der Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland an der Weihnachtskrippe. Die Sterndeuter aus dem Osten, wie das Matthausevangelium (Mt 2,1-12) berichtet, nehmen in der Phantasiewelt der Krippenbaukunst häufig breiten Raum ein: Denn diese hohen Herren reisten doch sicherlich nicht mutterseelenallein und zu Fuß, sondern zogen mit ihrer Dienerschaft auf Rössern, Elefanten, und Kamelen zum Stall nach Bethlehem!

Wie diese drei Pagen! Am Zügel führen sie einen Rappen, das Pferd des ›Kaspar‹, einen Schimmel, das Pferd des ›Melchior‹ und einen Fuchs, das Pferd des ›Balthasar‹. Die knapp einen halben Meter hohen Holzfiguren zählten einst zum umfangreichen Bestand der ehemaligen Weihnachtskrippe der Stadtpfarrkirche St. Jakob in Dachau. Diese Krippe muss zum Dreikönigstag einen ganz prächtigen Anblick geboten haben!

Der Fuchs, ein braunfelliges Pferd, ist das Reittier des Balthasar. Es verkörpert das mittlere Lebensalter und steht für den Orient.

Was aus dieser großen Jahreskrippe geworden ist, ist im Einzelnen nicht bekannt und noch unerforscht. Erste Auflösungstendenzen setzten sicher bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts ein. Anhaltende theologische Kritik an der überbordenden Ausgestaltungslust der Krippen veränderte schließlich den kirchlichen Umgang mit dieser Ausdrucksform der Volksfrömmigkeit. Das 20. Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen und epochalen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Umwälzungen beförderte das Verschwinden vieler Kirchenkrippen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wanderten auch die letzten Figuren der ehemals wertvollen Krippe aus der St. Jakobskirche.

Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor war um 1900 ein beachtlicher Teil der Krippensammlung an das im Aufbau befindliche Bezirksmuseum Dachau gelangt. Darunter diese drei Pagen und Pferde. Diejenigen, die sie einst begleiteten und auf ihren Rücken zum Stall nach Bethlehem trugen, die Drei Heiligen Könige, sind jedoch verschwunden. 

Wer hat den Brief geschrieben?

Liebesbrief, Tinte auf Papier, 13 x 15 cm, datiert: 1790, © Bezirksmuseum Dachau
(Ausschnitt Rückseite)

Ich bin dein Du bist mein. Mein Herzallerliebster Schatz! Hier schick ich Dir einen Gruß, und mit dem selbigen einen verliebten Kuß…
Ob die Herzallerliebste all’ die lieben Worte auch lesen konnte? Tatsächlich war dies Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht bei allen Untertanen des Kurfürstentums Bayern der Fall.
Viele Menschen waren auf die Dienste eines professionellen Briefschreibers angewiesen. Auch der Absender dieses Liebesbriefs musste einst für das schön beschriebene Herzblatt sicherlich tief in die Tasche greifen. Aber, was tut man nicht alles für die Liebste…
Mit Einführung der Schulpflicht in Bayern 1806 setzte eine deutliche Verbesserung der Schreib- und Lesefähigkeit in der Gesamtbevölkerung ein. Doch noch immer gibt es rund sechs Millionen Ganz- oder Teilanalphabeten in Deutschland.

Vollständiger Liebes=Briefsteller von Mathias Übelacker, Berlin 1918, © Bezirksmuseum Dachau

Ratgeber mit Vorlagen und Formulierungen zur Abfassung privater und geschäftlicher Korrespondenz waren um die Jahrhunderte weit verbreitet. Der »Liebes=Briefsteller« erschien in mehr als 25 Auflagen!
Und der Phantasie keine Grenzen gesetzt…

Im Ei versteckter Liebesbrief, handschriftlicher Papierstreifen in einem mit Stoffbändern und Draht umwickelten Hühnerei, Länge: 287 cm, datiert: 1888, © Bezirksmuseum Dachau

Nicht anders als heute: Um das Geschöpf der Begierde zu erobern, ließen sich so manche Verliebte Ungewöhnliches einfallen. Auf dem an einer Spindel aufgerollten langen und schmalen Papierstreifen steht unter anderm: … Wo mein Schatz geht ein und aus. Den Namen will ich nicht nennen, Wänn du mich liebst, wirst du mich wohl kennen…«

Übrigens: In der Quizsendung ›Wer bin ich‹, einem Dauerbrenner in der Frühphase des Fernsehens, präsentierte Moderator Robert Lemke seinen Ratefüchsen im »heiteren Berufe-Raten« einen professionellen Liebesbriefschreiber aus der Schweiz.

Eine ›Dachauer Hauskrippe‹ von zwei Meistern der bayerischen Krippenkunst


Dachauer Hauskrippe‹ (Ausschnitt) von Theodor Gämmerler (1889–1973) und Josef Hien (1925–2017), um 1950, © Privat/Dauerleihgabe im Bezirksmuseum Dachau

Um 1950 beauftragte der Dachauer Malermeister Hermann Huber (1914–1962) den bayerischen »Krippenpapst« Theodor Gämmerler (1889–1973) mit einer Hauskrippe im Dachauer Stil. Drei seiner feingliedrig geschnitzten Figuren symbolisieren daher nicht nur drei Lebensalter, sondern sind in die festtägliche Dachauer Bauerntracht gekleidet. Seine intime Inszenierung der Heiligen Nacht war ganzjährig im Haus des Handwerkers aufgestellt. Dessen Tochter erinnert sich: Jeden Tag nun, wenn der Vater abends heimkam, führte ihn sein Weg als erstes zur Krippe… Danach erst aß er zu Abend.

Übrigens: Auch die 1947 begründete Jahreskrippe in der Bürgersaalkirche in München stammt von Theodor Gämmerler und Josef Hien, den vielleicht letzten großen Meistern des aussterbenden Handwerks der Krippenbaukunst in Bayern.


Die Geburt Christi (Ausschnitt) in der Münchner Bürgersaalkirche zur Weihnacht 2019:
…die himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und riefen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden... In der Szenenmitte: Pater Rupert Mayer im Innenhof von St. Michael in München (Architektur: Max Gumpp).

Was verbindet die Lebzelter, Metsieder und Wachszieher?

Christbaum-Kerzchen aus Bienenwachs, Packungs-Illustration von Hermann Stockmann (1867–1938), 12,5 x 10,5 x 3,2 cm, Wachszieherei Ebenböck, München um 1920, © Bezirksmuseum Dachau

… Genau: die Biene, oder vielmehr das, was die „Imme“ produziert, nämlich Honig und Wachs.

Die beiden Rohstoffe sind das gemeinsame Ausgangsmaterial für die Erzeugnisse von Lebzeltern, Metsiedern und Wachsziehern. Über die Jahrhunderte wurden diese Handwerke nicht selten von ein und derselben Person ausgeführt.

Bereits im Mittelalter war Met ein geschätztes Genussmittel. Der süß-herbe Honigtrunk stand zudem als stärkendes Getränk in medizinischem Ansehen. 

Wie die Metsiederei und Lebzelterei zählt auch die Wachszieherei längst zu den ausgestorbenen Berufen. Schon der Name verrät die Herstellungsweise des Erzeugnisses des Wachsziehers: Kerzen in verschiedenen Längen und Stärken. Dafür musste ein Baumwolldocht immer und immer wieder durch ein flüssiges Bienenwachsbad gezogen werden.

Einst war der Verbrauch an Kerzen ausgesprochen hoch und die vornehmste Art der Beleuchtung. Da Bienenwachs nur in begrenzter Menge zur Verfügung stand und seine Verarbeitung zur Kerze eine aufwändige Prozedur war, waren Königs- und Fürstenhöfe, Kirchen und Klöster sowie adelige und großbürgerliche Haushaltungen die Abnehmer. Für den größten Teil der Bevölkerung blieben Kerzen ein kostspieliger, wenn nicht gar unerschwinglicher Luxus. Talg und harziges Holz mussten zur spärlichen Beleuchtung genügen. Erst Petroleum verbesserte diesbezüglich die allgemeine Lebenssituation. Mit Entdeckung der Elektrizität zog dann nach und nach in Jedermanns Wohnung das helle Licht ein.

„Pfenniglichterl“ nannte man die winzigen Kerzerl, die noch kleiner als Christbaumkerzchen auch von den weniger Privilegierten hin und wieder beim Wachszieher gekauft wurden.

Dagegen wurde der „Wachsstock“ nach Ellen verfertigt und in Rollen zusanmmengewunden (J. G. Krünitz: Oeconomisch-technologische Enzyklopädie, 1856). Er ist eigentlich eine besonders lange und dünne Form der Kerze, die als „Wachsschnur“ bezeichnet wird.

Wachsstöcke waren früher ein besonders geschätztes Geschenk und hatten um den Festtag Mariä Lichtmess am Ende der Weihnachtszeit vor allem bei den ländlichen und städtischen Dienstboten einen besonderen Stellenwert. Wenn sie außerdem vom Wachszieher noch üppig und fein verziert waren … ja, dann wurden sie niemals abgewickelt und angezündet, sonders sorgsam aufgehoben als liebes Zeichen von einem dankbaren Menschen.

Wachsstockhalter mit brennender Wachsschnur, geschmiedetes Eisen, 12 x 17,3 x 10 cm, wohl Dachau, 19. Jahrhundert, © Bezirksmuseum Dachau


Weihnachtliches Wachsstöckl: Lichterbaum mit Christkind in der Krippe, gewickelte Wachsschnur mit teilweise bemaltem Wachsdekor, 13 x 7 x 3 cm, Süddeutschland um 1890, © Bezirksmuseum Dachau

Was hat St. Nikolaus mit dem Lebzelter zu tun?

Bienenkorb aus  Stroh und Weide mit Holzverschluss, Durchmesser: 37 cm, Süddeutschland um 1900, © Bezirksmuseum Dachau

Jahrhundertelang war der von Bienen gesammelte Honig das wichtigste Süßungsmittel in Küche und Backstube. Er war nur in begrenzter Menge vorhanden und aufwändig in der Aufbereitung. Deshalb war er teuer. (Was echter Bienenhonig übrigens auch heute noch ist.) Mit „Gold dem Bienen“ wurde Honigteig hergestellt…

Gereifter Honigteig wird in die Holzmodel gedrückt: Hans Hipp in Pfaffenhofen/Ilm ist einer der wenigen Konditormeister, der die Lebzelterei noch beherrscht, © Bezirksmuseum Dachau, 2015

Kein Wunder also, dass Süßigkeiten aus gewürztem Honigteig zu den besonderen Leckereien zählten. Die Lebzelter wussten dieses besondere Backwerk herzustellen und kunstfertig zu gestalten. Sie waren Luxushandwerker!

Lediglich fünf Lebkuchenbäcker gab es 1818 in der Residenzstadt München! In Dachau, wie in fast allen bayerischen Landgerichten, sogar nur einen einzigen…

St. Nikolaus-Model des Dachauer Lebzelters Johann Georg Ertl,
sog. Doppelmodel (rückseitige Darstellung: Krebs mit Fischen),
Apfelbaumholz, geschnitzt, 26 x 13,5 x 3 cm, 17./1. Hälfte 18. Jahrhundert,
© Bezirksmuseum Dachau

Noch luxuriöser wurde es, wenn der Honigkuchen mit einem dekorierten Bild verziert war: So einen besonderen Anlass bot der 6. Dezember, der Gedenktag des frühchristlichen Bischofs Nikolaus. Wer es sich leisten konnte, verehrte am Nikolaustag den Kinder und Liebsten einen Lebzelten mit der Darstellung des Heiligen.

Also: Viel Arbeit und ein gutes Geschäft für den Lebzelter an diesem Tag…

Dachauer Lebzelterhaus: einst erstes Haus am Platz, heute Teil der Stadtverwaltung in der Augsburgerstraße 1, von dem nur mehr die historische Fassade erhalten ist, © Privat, 2005

Die Lebzelterei zählte zum bürgerlichen Zunfthandwerk. Ihre Meister waren angesehene und zumeist kunstfertige Leute, denen ihr Beruf einen gewissen Wohlstand einbrachte. Heute zählt das einstige Luxushandwerk zu den ausgestorbenen Berufen und nur noch wenige Konditoren beherrschen die Handfertigkeit des Modelabdrucks…

Serie von Nikolausköpfen aus der Weihnachtsbackstube der ehem. Bäckerei Teufelhart
in Dachau, bedrucktes Papier, je 8 x 4 cm, 1. Hälfte 20. Jahrhundert, © Bezirksmuseum Dachau

Mit dem technischen Fortschritt kamen im 19. Jahrhundert bunte Papierbildchen in Mode. Bald lösten vorgestanzte Oblatenbilder die zeitraubende Herstellung der gemodelten Lebkuchen ab. Von nun an ging es schneller und billiger: Die bunten Bilder mussten nur noch mit etwas Zuckerguss auf den Lebkuchen geklebt werden. Und auch das war längst kein Problem mehr, seit man die Herstellung von heimischen billigen Rübenzucker entdeckt hatte. Die Lebzelterei starb aus, der neue Beruf des Zuckerbäckers war geboren und das von ihm hergestellte Zuckerzeug wurde immer erschwinglicher…

Wie kommt ein Teufel ins fromme Spiel?

Krippenfigur mit Glasaugen und Echthaarperücke, aus Lindenholz, geschnitzt und polychrom gefasst. Die Bekleidung aus Seide, Tüll und Spitze stammt aus späterer Zeit, Höhe: 58 cm, Dachau 17./18. Jahrhundert, © Bezirksmuseum Dachau

Zugegeben, die Frage klingt provokant: Doch weder Teufelsanbetung, noch Sexismus stecken dahinter. Vielmehr sind Neunutzung und Zeitgeist die Schlüssel zum Verständnis dieser alten Krippenfigur…

Wie konnte das passieren? Verborgen unter zwei Unterröcken und einem gelben seidenen Spitzenkleid verbirgt sich eine gruselige Gestalt mit geschwärzten und von züngelnden Flammen umgebenen Armen und Beinen. Um das zu verstehen, muss man das Rad der Zeit ein bisschen zurückdrehen…


Herbergssuche, Szene aus der großen Simultankrippe von Hanns Schaberl. Teilgeschnitzte, polychrom gefasste und bekleidete Figuren in einer polychrom gefassten Holz- und Gipskulisse, Höhe der Figuren: ca. 27 cm, Dachau 1970/71, © Bezirksmuseum Dachau

Die Jesuiten von St. Michael in München waren es, die 1607 in unserer Gegend die ersten beweglichen Krippenfiguren aufstellten.
Die hölzernen Gliederpuppen fertigten geschickte Kistler und Schnitzer an. Durch Zapfenverbindungen und Gabelgelenke wurden die einzelnen Körperteile beweglich miteinander verbunden. Die Gelenkfiguren ermöglichten eine nahezu beliebige und damit sehr lebensnahe Körperhaltung. Die Illusion verstärkte eine aufwändige Bekleidung. Diese übernahmen häufig Nonnen der nahegelegenen Frauenklöstern…

Jedoch: Die feingliedrigen und bemalten Holzpuppen waren kostspielig. Ein Umstecken von Köpfen und Gliedmaßen bzw. das Auswechseln der Bekleidung war notwendig, um mit wenigen Figuren in den Jahreskrippen der Kirchen die vielen biblischen Szenen inszenieren zu können…

Zurück zu unserer „Teufelsschönheit“: Die feingearbeitete Gliederpuppe gehörte vermutlich einst zum Figurenbestand der großen Jahreskrippe der St. Jakobskirche in Dachau.

Was aber sind Jahreskrippen? Auf kleiner Bühne illustrier(t)en sie das liturgische Kirchenjahr hindurch im Wechsel die wichtigsten Bibelgeschichten in 3-D-Inszenierungen. Nun: In der Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste (Evangelium: Matthäus 4,2 Lukas 4,2) hatte in der vorösterlichen Zeit in den Jahreskrippen eine Teufelsfigur ihren großen Auftritt als Verführer…

Doch gibt es noch eine Interpretationsmöglichkeit: Fegefeuer-Szenen zählten ebenfalls zum beliebten Themenkreis der Krippenbühnen. Danach stellt die Gliederpuppe nicht den Teufel dar, sondern die Personifizierung einer solch „armen Seele“…

Irgendwann hatte der Teufel ausgedient und aus der Krippenfigur wurde eine Schöne. Doch wann genau es zu dieser bizarren Verwandlung kam, liegt im Dunkeln:

So könnte sie als „Reiche Verwandte aus der Stadt“ durchaus in der Krippendarstellung der biblischen Hochzeit zu Kanaa aufgetreten sein. Doch liegt eine andere Vermutung näher…

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten die Jahreskrippen der Kirchen als Ausdruck von Glaube und Religion vilerorts als überholt und auch in St. Jakob in Dachau scheint sie in dieser Zeit aufgegeben worden zu sein. Vielleicht machte das ständige Auf- und Umbauen, die Pflege der Figuren und Bühnenbauten auch einfach nur zu viel Arbeit? Damals gelangte ein großer Teil des Figurenbestands in die Sammlung des Bezirksmuseums. Und wahrscheinlich ließ sein damaliger Kustos, der Künstler Hermann Stockmann (1867–1938) die Figuren umkleiden um u.a. eine „Dachauer Bauernhochzeit“ zu inszenieren